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«Wir haben einen Bündner Corona-Hotspot entdeckt»

Im Welschdörfli wurde am Wochenende gefeiert – sorglos und ohne den vorgeschriebenen Abstand. Das bringt Kantonsärztin Marina Jamnicki in Rage.

Südostschweiz
Montag, 29. Juni 2020, 15:24 Uhr Kantonsärztin Marina Jamnicki im Interview
Zmorgamit Marina Jamnicki
Marina Janicki ist ungehalten ob der Sorglosigkeit der Churer Partygänger.
PHILIPP BAER

Frau Jamnicki, im Churer Welschdörfli haben am letzten Wochenende sehr viele Leute gefeiert. Vom vorgeschriebenen Abstand ist auf Bildern nicht viel zu sehen. Wie nehmen Sie solche Meldungen auf?

Ich nehme die Bilder von diesem Wochenende sehr besorgt auf. Ich kann es nicht anders sagen: Das war verantwortungsloses Verhalten. Als ob nichts gewesen wäre.

Was braucht es jetzt?

Ich hoffe, dass es nicht viele Kranke braucht, bis die Leute wieder einsehen, dass es an ihnen liegt, am Verhalten jedes Einzelnen, dass es nicht zu einer zweiten Welle kommt.

«Wir sehen, dass die Schutzkonzepte nicht wirklich umgesetzt werden.»

Sind die Lockerungen des Bundes zu schnell gekommen?

Meiner Meinung nach ganz klar. Die Grossveranstaltungen haben mir schon im Vorfeld grosse Sorgen bereitet. Wir sehen, dass die Schutzkonzepte nicht wirklich umgesetzt werden. Es ist kein Problem, wenn 300 Personen in einem Saal oder Draussen verteilt sind. Das Problem ist, wenn diese Leute Schulter an Schulter sind über eine lange Zeit.

In der momentanen besonderen Lage hat der Kanton wieder mehr Bestimmungsrecht als in der ausserordentlichen Lage. Muss er neue Massnahmen ergreifen?

Ja, das prüfen wir jetzt.

Covid-19: Habt Ihr Angst vor einer zweiten Welle?

Auswahlmöglichkeiten

Müssen die Clubs wieder geschlossen werden?

Das liegt nicht in meiner Kompetenz. Eine solche Entscheidung will ich auch nicht alleine schultern. Aber das werden wir diskutieren, ganz klar.

«Da müssen wir als Kanton definitiv über die Bücher gehen.»

Funktioniert das Contact Tracing beim Zusammentreffen von so vielen Menschen überhaupt?

In Zürich wurde in einem Club gefeiert. Es gab eine Liste mit den 300 Personen, die dort waren. Problematisch war allerdings, dass die Kontaktangaben teils falsch gewesen sind. In einem Club, der einen Eingang hat, kann man kontrollieren. Aber im Welschdörfli, wo die Leute auf der Strasse stehen, ist das sehr schwierig. Das ist ein Punkt, wo wir als Kanton definitiv über die Bücher gehen müssen.

«Wir haben einen Bündner Corona-Hotspot.»

Sie haben es angesprochen: In Clubs werden teilweise falsche Kontaktangaben gemacht. Müsste man da nicht einfach rigoros vorgehen und die ID verlangen?

Aus medizinischer Sicht ist das ganz klar sinnvoll, dass man seine ID zeigen muss und nicht als Donald Duck irgendwo reingehen kann.

Kann man davon ausgehen, dass es neue Massnahmen geben wird?

Ich möchte nicht vorgreifen. Nach diesem Wochenende, das wir alle arbeitend statt wie geplant in der Freizeit verbracht haben, werden wir uns treffen und das weitere Vorgehen besprechen. Was noch gar nicht bekannt ist: Wir haben einen Bündner Corona-Hotspot entdeckt. Über dieses Wochenende mussten sechs Personen in Isolation und über 70 Personen in Quarantäne. Alle wegen Party. Nicht in Chur, es sind Rückkehrer aus dem Ausland, aber trotzdem.

Das Interview führte Patrick Ulber.

Wie die SDA schreibt, handle es sich beim Corona-Hotspot um eine Gruppe junger Männer, die Party in Serbiens Hauptstadt Belgrad gemacht habe. Die Männer kehrten mit dem Virus nach Hause zurück. Der erste der Gruppe der sechs jungen Männer sei drei Tage nach der Rückkehr aus dem Ausland erkrankt. Er habe sich beim Arzt testen lassen. Daraufhin griff die Contact-Tracing-Gruppe des Kantons ein. Seither seien die sechs Partygänger in Isolation. Alle Personen (insgesamt 73), die mit den jungen Männern nach deren Rückkehr aus dem Ausland Kontakt hatten, seien in Quarantäne.

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Ich kann garnicht verstehen, als Deutscher, dass es in der Schweiz keine Pflicht zur Maske gibt. Wenn ich in den nächsten Tagen für 10 Wochen in die Schweiz fahre, werde ich selbstverständlich meine Maske dabei haben.
Als Reiseland ist die Schweiz für mich "zu lasch" im Umgang mit dem Coronaproblem.

Es macht mich schon sehr nachdenklich, wie wenig die Leute in der Öffentlichkeit auf ihren Schutz achten. Auch wenn es - noch - keine Maskenpflicht gibt, sollte jede Person in der Öffentlichkeit eine Gesichtsmaske tragen. Mittlerweile hat sich auch die Wissenschaft "durchgerungen", dass mit Gesichtsmaske ein erheblich Ansteckungsschutz gegeben ist. Ich registriere immer wieder mit Bedauern, dass ich z.B. im - durchaus gut besetzten Bus und Zug - Bus der einzige mit Gesichtsmaske bin. Ich habe auch meine öffentlichen Aufenthalte sehr eingeschränkt, und fahre nur einmal wöchentlich nach Chur; hauptsächlich deswegen, weil die Anderen kaum Schutzmassnahmen anwenden. Eine Gesichtsmaske zu tragen ist sicher "das geringere Übel", als wenn wieder Ausgangsbeschränkungen verordnet werden.